Kreuzberg in der Krise?

„Kreuzberg36 in der Krise?! – Steigende Mieten, Verdrängung und die Auswirkungen auf den Kiez“ so der Name der Veranstaltung gestern abend im SO36 (Ankündigung). Auf der Bühne fanden sich ein (Stadt-) Soziologe, Frau Kurt vom Kotti e. V., ein Vertreter der GSW, Tommy vom SO36, der Bezirksbürgermeister Schulz von den Grünen, Herr Oellrich von der Berliner Mietergemeinschaft und Jolle von der Gruppe Soziale Kämpfe. Publikum: fast komplett deutsch. Das hat Frau Kurt bedauert, dass ein großer Teil der von Mieterhöhungen betroffenen Menschen, die zur türkischen Community gehören, hier nicht anwesend waren. Sie hat es als Resignation und Zeichen gedeutet, dass diese Menschen nichts mehr zu sagen haben… Dazu später noch mal…
Vieles was gesagt wurde, war mir nicht ganz neu, es wurden Zahlen zu Mietsteigerungen in Kreuzberg und die besonders betroffenen Straßen genannt – Reichenberger Straße (Carloft) und Fränkelufer. Summa summarum: Bezahlbarer Wohnraum wird teurer und der Wohnungsmarkt ist angespannt. Dazu gab es die Einschätzung, dass bis zu 30% der KreuzbergerInnen umziehen müssen, wenn die Verordnungen konsequent umgesetzt werden, Mietobergrenzen für Hartz4-BezieherInnen durchzusetzen – soll heißen, dass nur ein bestimmter Preis pro Quadratmeter gezahlt wird und wenn er überschritten wird, dann müssen irgendwelche Amtsmenschen handeln… Bei den Zahlen bin ich mir aber nicht mehr sicher, ob die für alle KreuzbergerInnen gelten oder nur für Hartz4-BezieherInnen, lässt sich mit ein bisschen mehr Engagement bestimmt schnell klären. Aber eins wird klar: So oder so müssen tausende Menschen ihr Lebensumfeld durch Zwang verlassen.
Da wären wir auch schon beim Problem: Kreuzberg 36 ist total hip, weil mensch hier toll durch die Kneipen ziehen kann und die Leute alle so cool drazf sind, voll multikulti eben. Das ist attraktiv, sowohl für reisende aus aller Welt, die das „echte Berlin“ erleben wollen und für Yuppies, die auch mal cool sein wollen. Und weil es für Menschen attraktiv ist, ist es das für Investmenthaie eben auch, klaro. Irgendwo müssen die Milliönchen und Renditchen ja herkommen.
Für die Bevölkerung, die die Stadtteilstrukturen aufgebaut hat und ausmacht, heißt das: Vielen Dank für eure Jahrzehnte, die ihr hier euch Arbeit gemacht habt, FreundInnen gesucht und gefunden habt aber jetzt müsst ihr leider gehen, weil ich auf meine Knete ja mindestens 4% Rendite will. (Wie sich die Rendite auf den Mietpreis auswirkt, lässt sich sehr schön bei Andrej Holms gentrificationblog nachlesen.)
Bei so viel schlechten News die Frage: Was machen? Der Soziologe Riedmann hat das sehr klar formuliert, dass Menschen auf der individuellen ebene kämpfen können z. B. mit Rechtsanwalt gegen steigende Mieten, Menschen können aber auch kollektiv agieren, indem sie z. B. ihre gemeinsamen Probleme nach außen tragen. Der größte mögliche und wohl erfolgreichere soziale Kampf wäre der einer sozialen Bewegung, in der… was macht eigentlich eine „soziale Bewegung“ aus? …in der vielleicht verschiedene Probleme nebeneinander als ein gemeinsames Anliegen angegangen werden. Das erinnert mich an ein Konzept, das an Gramsci angelehnt ist: Um so mehr verschiedene soziale Kämpfe als ein gemeinsamer Kampf artikuliert werden können, desto universaler ist der Anspruch der Bewegung, ganz einfach.
Eine andere Möglichkeit, das Viertel für Kapital unattraktiver zu machen, ist ganz klar Abwertung. Hier komme ich zurück zu dem Punkt, dass nur wenige Menschen aus der türkischen Community anwesend waren: Es wurde die Gruppe es regnet kaviar mit ihrem Abwertungskit kurz angesprochen. Dieser Abwertungskit besteht im wesentlichen aus Infos, dass Mensch sich eine Satellitenschüssel aus Pappe an den Balkon klemmt und gleich noch Lidl-Tüten nebendran, weil das dann so ein bisschen verwahrlost aussieht… Irgendwie ja ganz lustig. Im studentisch-linken Publikum gestern wurde sich darüber total amüsiert… und hatte nur noch einen widerwärtigen Anschein davon, dass hier über die gelacht wird, die an diesem Abend leider nicht vertreten sind, nämlich diejenigen, die über Satelit ihre Lieblingssender gucken.
Da stimmt was nicht in der Perspektive, wenn ich mich über eine Gruppe lustig mache und gleichzeitig vorgebe, Seit an Seit zu kämpfen…
Ich hätte gerne noch viel mehr von dem Abend für mich in Worten behalten, hab ich aber nicht… ein Kopf zum Haare schneiden…

In diesem Sinne: Auf die Barrikaden!

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